Trascrizione
Sie betreten jetzt die Camera degli Sposi, die auch Camera Pìcta genannt wird: das „schönste Zimmer der Welt“, wie man schon kurz nach seiner Fertigstellung im Jahr 1474 sagte. Es handelt sich hier um das wichtigste erhaltene Werk von Andrea Mantegna. Eine Bravourleistung, die es wert ist, aufmerksam betrachtet zu werden. Wir laden Sie daher dazu ein, zuerst zuzuhören und sich dieses Werk anschließend möglichst unabgelenkt anzusehen. Bitte halten Sie sich in diesem Raum nicht länger als fünf Minuten auf.
Aber schauen Sie sich zuerst einmal um. Wir befinden uns hier im Castello di San Giòrgio, das wahrscheinlich um 1397 im Auftrag des damaligen Capitano del Popolo Francesco I Gonzaga errichtet worden ist. Vom Castello sprechen wir später, damit Sie jetzt nicht zu spät in die Camera degli Sposi kommen.
Gerade weil dieser Raum so klein ist, schuf Mantegna mit einem gemalten architektonischen Umfeld eine einzigartige Wandbemalung. Der Gebrauch der Perspektive ist außergewöhnlich, die Farbgebung lebhaft und hell-leuchtend.
Sie werden einen fiktiven Marmorsockel aus roten und grünen Kacheln bemerken, auf den sich mit Verzierungen bemalte Säulen stützen. Die Kapitelle tragen Stangen, unter die der Künstler schwere Damastvorhänge malte. Zwei Wände zeigen wichtige Ereignisse aus der Geschichte der Familie Gonzaga.
Um die erste Episode auf der Kaminwand verstehen zu können, müssen sie wissen, dass im Januar 1462 einen Brief von Bianca Maria Sforza erhielt, die ihn zur Unterstützung des schwer erkrankten Herzogs Francesco nach Mailand rief. Sie sehen den Marktgrafen, der den Brief in der Hand hält und sich besorgt an seinen Sekretär wendet, der sich ihm von links nähert. Rechts sitzt seine Frau Barbara von Brandenburg mit kostbaren Puffärmeln aus Damaststoff, daneben sehen wir einige ihrer zahlreichen Kinder sowie Berater und Höflinge. Unter Ludwigs Stuhl liegt ein Hund, dessen Namen wir kennen. Er hieß Rubìno.
Die zweite Episode zeigt eine Begegnung zwischen Ludovico II, der links im Profil abgebildet ist, und seinem Sohn Francesco in der Kleidung eines Kardinals.
Die dargestellte Hofgesellschaft ist auch eine Galerie mit Portraits aus der Familie Gonzaga. Im Hintergrund stehen wichtige Akteure aus dem damaligen europäischen Spiel um Macht und Einfluss. Diese Tatsache zeigt, wie sehr es den Herren von Mantua gelungen war, Zugang zu politischer und kirchlicher Macht zu erlangen.
In der fiktiven Wandverstärkung an der rechten Seite der Tür verbarg Mantegna zwischen pflanzenartigen Verzierungen sein als monochrome Maske gestaltetes Selbstportrait.
Oben im Gewölbe sehen Sie eine außergewöhnliche Zusammenstellung klassizistischer Portraits, die als Reliefs auf einem vergoldeten Mosaikhintergrund dargestellt werden. Es handelt sich dabei um mythologische Szenen mit Orpheus, Areion und Herkules sowie um acht Büsten römischer Imperatoren.
Das geniale Auge im Mittelpunkt scheint die Decke in Richtung eines blauen Himmels zu öffnen. An einem Schutzgeländer erscheinen geflügelte Putti, einige Frauen und ein Pfau.Gab es für dieses Meisterwerk eine Inspirationsquelle? Es scheint so zu sein. Indizien weisen darauf hin, dass Mantegna sich von einem Text von Luciano di Samòsata mit dem Titel De domo beeinflussen ließ. Der Philosoph aus der griechischen Antike beschreibt ein bemaltes Zimmer als ideales Umfeld eines Fürsten, das den Eindruck erweckt, die Sonne aufzunehmen und sich damit mit Licht zu füllen.