Trascrizione
Unser Rundgang beginnt im Alboretum, einer Sammlung von Bäumen, die Ende des 18. Jahrhunderts unter der Leitung des Präfekten Giovanni Marsili eröffnet worden war. „Dem öffentlichen Garten“, berichtete er in einem Schriftstück, „fehlt fast vollständig der edelste und raumgreifendste Teil des Pflanzenreichs und das sind einheimische und fremde Bäume. Nur sehr wenige konnte man sehen, dafür wuchsen die gemeinsten und vulgärsten Kräuter innerhalb eines Gartens, dem Bäume eher als Auffüllmaterial und weniger als Zierde dienten“. Marsili entschied also, an einem Ort, der dem Präfekten außerhalb des Hortus Cinctus zur privaten Nutzung überlassen worden war, ein „Wäldchen“ anzulegen, wie er es nannte.
Wir stehen hier also außerhalb des ältesten Bereichs des Gartens. Die Bäume brauchten schließlich viel Platz, um zu wachsen!
Und das hier ist die zweitälteste Pflanze in diesem Garten: die große orientalische Platane. Sie wurde 1680 gepflanzt und ist aus zwei Gründen eine Rarität.
Schau sie dir gut an. Du wirst bemerkt haben, dass der Baum hohl ist. Es handelt sich dabei um eine unglaubliche Narbe, die wahrscheinlich von einem Blitzschlag herrührt. Aber unsere Platane steht immer noch: Sie überlebt mit ihrem äußeren Stamm, durch den der Pflanzensaft fließt und kommt ohne die inneren Teile aus, die nur der Stabilität dienen.
Wenn du den zweiten Grund für die Seltenheit dieses Baums verstehen willst, musst du wissen, dass die Platanen in unseren Städten hybride Pflanzen sind, eine Kreuzung zwischen der orientalischen Platane, die aus dem Mittelmeerraum stammt, und der nordamerikanischen Platane. Wie konnten sie zusammentreffen? Natürlich hat der Mensch seine Hand im Spiel.
Der majestätische Baum mit der dichten Krone, vor dem du hier stehst, ist eine orientalische Platane. In mediterranen Dörfern pflanzte man diesen Baum auf dem zentralen Platz. In seinem Schatten konnte man sitzen und diskutieren oder auch philosophieren, wie in einem kulturellen Salon; in den Gärten des alten Persiens gehörte er zur Grundausstattung. Auch weiter nördlich gelegene Länder wollten ihn haben, aber für orientalische Platanen war das Klima dort zu rau. 1670 kamen einige westliche oder amerikanische Platanen nach England, die der Kälte besser widerstanden – und es war Liebe auf den ersten Blick! Die beiden Arten wurden gekreuzt, und es entstand eine fruchtbare hybride Art, die sich als stärker erwies als ihre beiden Stammväter und heute überall zu finden ist.
Bevor wir weiter gehen, hör dir diesen Satz an, den der amerikanische Naturforscher und Gründer des Rocky Mountain National Park, Enos Mills geschrieben hat:
“Wie Menschen kämpfen auch Bäume ums Überleben. Ein alter Baum hat, wie ein alter Mensch, nicht nur ein überraschendes Aussehen, sondern auch eine interessante Biografie“.